Jin-Kyoung Huh

edding drawing

edding drawing 800/03, the half
432x182 cm, 2013

edding drawing negative
50 x 65 cm with frame, 2013

'(K)ein Fehler im System' — Die Gewohnheiten Jin-Kyoung Huhs

Man muss nicht immer gleich an Agnes Martin denken. Auch wenn all die Linien, Raster und dergleichen im Werk von Jin-Kyoung Huh derlei Assoziationen durchaus nahe legen. Oder an Bruce Nauman, dessen Künstlerbücher „Clear Sky“ und, vielleicht mehr noch, denkt man an den Feinstaub in der Frankfurter Luft, „LA Air“ in Huhs vor drei Jahren begonnener „Skyblue“-Serie vom Himmel über Frankfurt, Mailand oder Berlin ein fernes, geradeso poetisches wie streng konzeptuelles malerisches Echo finden.

Was das aktuelle Schaffen der Frankfurter Künstlerin über die Jahrzehnte mit Konzept und Minimal verbindet, ist nicht ein Motiv, das Vokabular vielleicht, nicht Farbfelder, Gitternetzstrukturen oder die Entscheidung für ein Medium als je geeignetes Mittel, einer Idee die ihr gemäße Form zu geben. Es ist vor allem eine Haltung der Welt und den Dingen gegenüber, wie sie etwa in Agnes Martins Satz, sie „male mit dem Rücken zur Welt“, wie sie in der Konzentration auf das meditativ zu nennende, scheinbar absichtslose und sich selbst genügende Tun indes schon bei Goethe anklingt.

„Der Mensch“, heißt es in den Gesprächen mit Friedrich von Müller, „mache sich nur irgendeine würdige Gewohnheit zu eigen, an der er sich die Lust an heiteren Tagen erhöhen und in trüben Tagen aufrichten kann.“ Dass es etwas „Treffliches, Würdiges“ sein müsse, wie es weiter heißt, er etwa in der Bibel lese, schöne Bilder betrachte oder gute Musik höre, tut hier erst einmal nichts zur kreativen oder auch nur erbaulichen Sache. Denn wer weiß schon, was das sei. Huh macht vielmehr ihre „Gewohnheiten“ selbst zum künstlerischen Prinzip und kultiviert sie im Spannungsfeld von strenger Regel und heiterem Spiel. Und mithin, im Anschluss an Eugen Gomringer, auf dessen Werk sich nicht nur der Titel dieses Texts, sondern auch Huh ausdrücklich bezieht, auf dem Terrain der Konkreten Kunst und der Konkreten Poesie.

Die Künstlerin wählt denn auch eine andere, weniger pathetische Formulierung, und scheint Goethe dabei dennoch seltsam nah: „Keiner braucht das, was ich mache. Aber ich kann darauf nicht verzichten.“ Und das, möchte man hinzufügen, ist in der Kunst allemal würdig genug. Die großen Fragen stellen sich dann schon von ganz allein. Huh will das Blau des Himmels, um noch einmal auf „Skyblue“ zurückzukommen, denn auch nicht versprechen, sondern nach zuvor festgelegten Parametern – etwa jeden Tag ein Foto desselben, anschließend in einen Farbstreifen übersetzten Ausschnitts zu machen - zunächst einmal vor allem fassen. Und so sieht man weniger den Himmel als ein Bild davon.

Und das hier gerade wie im künstlerischen Prozess zum Bild sich manifestierende Vergehen der Zeit. Oder sie setzt, wie in den aktuellen „edding drawings“, nichts als vertikale Linien aufs Papier, von oben nach unten, von links nach rechts das Blatt allmählich füllend und recht eigentlich beschreibend, wechselt dann zum nächsten Blatt und beginnt dort oben links von vorn. Nur darauf, auf das repetitive, Material wie Konzentration herausfordernde künstlerische Tun, kommt es im Grunde an. Das aber ist reine Poesie. Werden doch die Lineaturen mit jeder Geste eine winzige Nuance heller, bilden Höfe, werfen Schatten und wird mithin von Blatt zu Blatt aus Schwarz allmählich Grau, dann Schmutzigweiß, und haucht der Stift zunächst kaum merklich und doch Farbfeld für Farbfeld ein wenig mehr seines tintenschwarzen Atems aus.

Das genügt, um zu den ersten wie den letzten Fragen vorzudringen. Und bedarf als meditativer, an heiteren wie trüben Tagen ausgeführter Akt doch weder Antwort noch Rechtfertigung. Die Gewohnheit, um das Bild noch einmal aufzugreifen, ist hier selbst Kunst geworden. Gerade darin aber liegt ihr ebenso subversives wie der Humanität verpflichtetes Potential. Das mag angesichts einer Haltung „mit dem Rücken zur Welt“, eines sich selbst genügenden, auf nichts als das eigene Tun konzentrierten Schaffensprozesses und nicht zuletzt in Anbetracht des strengen Regelwerks, wie es jeder ihrer Arbeiten konzeptuell eingeschrieben ist, auf den ersten Blick ein wenig irritierend scheinen. In der Verweigerung aber einerseits, im Setzen der eigenen Regel innerhalb eines bestehenden Systems andererseits, wie es Huh etwa in der Serie der „useless millimeter papers“ zum künstlerischen Prinzip erhebt, und nicht zuletzt im immerwährenden Scheitern liegt hier der Grund aller schöpferischen Kraft. Denn es hilft ja nichts.

Wenn sie mit der Kamera das Blau des Himmels einzufangen sucht, derweil der Farbton, wie wir ihn sehen oder doch zu sehen glauben und auch die Künstlerin ihn malerisch zu erinnern sucht, es nie ganz trifft; der Marker ausfranst, bleich wird vor der kalkulierten Zeit und der Bearbeitung all der bereit gelegten Bögen, wenn die Hand der Künstlerin ermüdet und der Tintenfluss für einen Augenblick bloß stockt, nur, um den Stift womöglich unwillkürlich umso fester und entschlossener aufzusetzen: Der Fehler ist dem System immer schon notwendig eingeschrieben. Als der menschliche Faktor. Mehr noch, denkt man an die Konkrete Poesie und namentlich an Eugen Gomringer, dann ist der Fehler so betrachtet keiner. Das hat, ist man versucht zu sagen, durchaus seine paradoxe Richtigkeit. Und macht die Kunst gerade aus.

Text: Christoph Schütte

(No) system error — On the customs of Jin-Kyoung Huh

It’s not necessary to immediately think of Agnes Martin. Even if the lines, grids and similar forms in Jin-Kyoung Huh’s oeuvre naturally conjure such associations. Or of Bruce Nauman, whose “Clear Sky” artists’ books and perhaps even more so (in light of the particular matter in Frankfurt’s air) “LA Air” in the “Skyblue” series, which Huh began over three years ago, capturing the sky over Frankfurt, Milan, and Berlin, have a distant but just as poetic, conceptually painterly echo.

What has linked the Frankfurt-based artist’s current output with Conceptual and Minimal Art over the decades is not a particular theme, the vernacular perhaps, is not color fields, grid structures, or the decision in favor of a particular medium as the most suitable means to lend an idea the form most appropriate to it. It is above all taking a stance on the world and the things in it, as evidenced, for example when Agnes Martin says she “paints with her back to the world”, or what Goethe already described as concentrating on what might be termed meditative, seemingly unintentional and self-satisfying activity.

As conversations with Friedrich von Müller reveal, “people only make a worthy custom their own that on bright days increases, and on gloomy days engenders pleasure.” The fact that it has to be something “splendid, worthy”, as he continues, such as reading the Bible, immersing oneself in beautiful pictures, or listening to good music, is primarily irrelevant to the creative or edifying aspect. For who knows what that is. Rather, Huh transforms her “customs” themselves into an artistic principle and cultivates them, oscillating between strict rules and playful games. And thus, following on from Eugen Gomringer, whose work not only the title of this article, but also Huh expressly references, in the field of Concrete Art and Concrete Poetry.

The artist also chooses a different, less emotive formulation, which nonetheless seems curiously close to Goethe: “Nobody needs what I do. But I cannot do without it.” And in art, one might add, that is certainly worthy enough. For the major questions will then arise of their own accord. Huh does not intend to promise the blue of the sky (getting back to “Skyblue” once again) but rather, in line with previously determined parameters (for example taking a photo every day of the same section and subsequently transforming it into a color strip) her primary aim is to grasp it. And as such it is less the sky that we see but a picture of it.

And the passage of time that manifests itself here just as in the artistic process evolving into a picture. Or, as in the current “edding drawings”, she puts nothing but vertical lines on a sheet of paper, from top to bottom, gradually filling it from left to right, as if writing on it, before turning to the next sheet and beginning again from top left. It is essentially about repetitive, artistic activity that challenges both material and concentration. That, however, is pure poetry. With every gesture the lines become a shade lighter, create rings, cast shadows and thus, sheet by sheet, gradually turn from black to gray, then to dirty white, and, scarcely perceived but color field by color field, the pencil breathes out a little more of its ink-black breath. That suffices to address the first as well as the final questions. And, as a meditative act performed on bright as well as dull days, needs neither an answer nor justification. In this case the custom, to take up the metaphor once again, has itself transformed into art. It is precisely in this that its potential lies, as subversive as it is bound to humanity. In view of a stance that involves “my back to the world”, of a self-satisfying creative process that concentrates on nothing but its own activity and not least of all, considering the strict regime that governs the concept behind all her works, this might at first glance seem somewhat confusing. However, it is refusal on the one hand, and the making of one’s own rules within a fixed system on the other (which in the “useless millimeter papers”, for example, Huh elevates to the artistic principle) and not least of all the perpetual failure that forms the essence of all creative power. Because you simply cannot help it.

When she attempts to capture the blue of the sky with her camera, while the hue that we see or think we see, and which the artist seeks to recall in painting, never quite gets it right; the marker bleeds, fades before time and all the prepared sheets have been dealt with, when the artist’s hand tires and the flow of ink stops for a moment, possibly just instinctively to apply it all the more firmly and determinedly: The error is necessarily always integrated in the system. As the human factor. What is more, if one thinks of Concrete Poetry, and specifically Eugen Gomringer, seen as such the error isn’t one. That, one is attempted to say, certainly has something paradoxically right about it. And that is precisely what makes art.

Text: Christoph Schuette